Buchcover
DELACROIX, GUILLAUME: 'Cadran Lunaire' und 'Dimensions de quelques Planetes, particuliè(re)ment du soleil, de la lune, et de la terre suivant l'opinion de Monsieur Gassendi'. Zweiteilige französische Handschrift in brauner Tinte auf Papier, mit kleinen Hervorhebungen in roter Tinte, sorgfältige und sehr gut lesbare, schöne Reinschrift, Blattgröße 26,5 x 21 cm, Text (20,5 x 15 cm) in Rahmen aus brauner Tinte, am Ende der beiden Teile jeweils datiert 1711. (7) unbeschriebene Blätter, 127 Seiten (die Seiten 124, 125 und 127 sind unbeschrieben), eine ausfaltbare Illustration, (3) unbeschriebene Blätter, Lederband der Zeit mit reicher Rückenvergoldung und marmorierten Vorsätzen (Rücken alt hinterlegt, Ecken stärker berieben, vorderes marmoriertes Vorsatzblatt fehlt), 4to.

"Der Verfasser der Handschrift war "Moine benedictin de la Congregation St. Maur" (S. 6). Diese benediktinische Ordensgemeinschaft bestand von 1618 bis 1792 und hatte ihren Hauptsitz im Kloster Saint-Germain-des-Prés in Paris. "Die Mauriner verstanden sich als Reformkongregation, welche durch eine strenge Observanz der Regel die benediktinische Tradition, zu der auch die theologische und profane Bildung gehörte, wieder aufleben lassen wollte. (...) Die kritische Methode der Mauriner, nichts für gegeben zu halten, was nicht umfassend belegt ist, ähnelt nicht zufällig jenem Vorgehen, das René Descartes (1596-1650) in seinem Discours de la méthode für die Philosophie empfahl. Die Mauriner verwarfen nach und nach die Scholastik und adaptierten Descartes' Philosophie, obwohl seine Werke 1663 auf den Index gesetzt wurden. (...) Besonders in der ersten Zeit von 1640 bis 1720 gehörten den Maurinern einige brillante Gelehrte an." (Gregor Emmenegger, Europeran History Online). Zu den bekanntesten gehören Nicolas Hugues Ménard, der Gräzist Bernard de Montfaucon, der Begründer der Paläographie und der Byzantinistik Thierry Ruinart und natürlich der Historiker Jean Mabillon (1632-1707), der neben einigen textkritischen Prinzipien der Geschichtswissenschaft auch die Urkundenlehre begründete. Die bis heute geradezu sprichwörtliche Gelehrsamkeit der Mönche in St. Maur verbindet sich allerdings fast ausschließlich mit der philologischen und historischen Forschung. Daher ist das astronomische Thema der vorliegenden Handschrift überraschend. In seiner sechseitigen Widmung an den leider ungenannten Empfänger erklärt Delacroix: "je me suis appliqué a vous donner une metode (!) aussi courte qu'agreable pour trover tous les Jours de la Lune, non seulement d'une année, ou d'un siecle mais de plusieurs sans vous engager a aucun calcul" (S. 1). "La metode Monsieur que ie vous presente, Et ce Livre que ie vous dedie n'a besoin d'aucunes observations ny de connoissace du tems qu'arrivent des doubles Equations" (S. 2). Wichtig ist ihm der Hinweis auf die Unterschiede zum ebenfalls mit Buchstaben operierenden Heiligenkalender: "si on confere les lettres du Martyrologe avec celles que j'appelle Lunaires il sy trouvera beaucoup de difference" (S. 3). Auf den der Widmung folgenden 93 Seiten finden sich dann die überaus sorgfältig angelegten Tabellen, die zunächst den Jahren 1601 bis 3000 jeweils einen großen oder kleinen Buchstaben zuordnen. Dann werden für die einzelnen Tage des Jahres diesen Buchstaben Zahlen zugeschrieben. Die "années bissextile" sind mit Sternchen gekennzeichnet. Beispiele erläutern die Benutzung der Tabellen: dem Jahr 2011 ist der Buchstabe 'N' zugeschrieben. Für den 31. Mai steht unter 'N' die Zahl '28', d.h. am 31. Mai 2011 ist fast Vollmond. Da auch die meisten Kalender des 21. Jahrhunderts zumindest noch die Vollmonddaten verzeichnen, ist die Probe leicht gemacht. 300 Jahre nach Fertigstellung seiner unglaublichen rechnerischen Fleißarbeit erweist sich die Genialität der Delacroix'schen Tabelle: Vollmond ist am 1. Juni 2011. Angesichts der immensen Arbeit, die in der peniblen Tabelle steckt, muß es als Zeichen der ganz besonderen Wertschätzung des offensichtlich ebenso besonderen Empfängers verstanden werden, dass der Verfasser diese beeindruckende Arbeit nicht veröffentlicht, sondern sie der ausschließlichen Benutzung des Besitzers überläßt: "ie n'ai point fait de preface, ny d'avis au lecteur parceque ie n'ai jamais eu enuie, ny dessein de le rendre public, etant uniquement pour vous ne laiant composé que pour vostre service" (S. 6). Sein Werk versetzt den Leser in die Lage in Sekunden und ohne komplizierte Rechnungen festzustellen an welchem Tag des Mondkalenders er geboren wurde, welcher Tag in der Gegenwart günstig zur Aussaat ist und welcher Tag in der Zukunft vom Vollmond geprägt sein wird - und dies für einen Zeitraum von 1400 Jahren! Der zweite Teil der Handschrift (S. 102 bis 126) befasst sich mit den Größenverhältnissen der Planeten und den Entfernungen zur Erde. Neben den Berechnungen Gassendis verwendet der Autor auch Ergebnisse des Descartes-Anhängers Jacques Rohaults (S. 106, 115, 117). Berechnet und beschrieben werden die Entfernung der Erde zum Firmament, zum Mars, zur Venus, zur Sonne, zum Jupiter etc., das Größenverhältnis der Fixsterne zur Erde, die Größe der Sonne und des Mondes, die Laufbahn des Mondes, die Mondphasen, die Monate ('Du Mois Synodique', 'Du Mois Periodique', 'Du Mois Civil' und 'Du Mois d'Illumination'); der Text endet mit einer Tabelle der Entfernung des Mondes von der Sonne nach Tagen, Stunden und Minuten. Die beeindruckende ausfaltbare Tafel im Anhang zeigt die Größenverhältnisse von Sonne und Erde: zentral, blattfüllend und farbig die Sonne, die den Leser mit hochgezogener Braue skeptisch betrachtet, und in den vier Seitenecken die winzig kleine Erde. Diese vier Erdkugeln scheinen die Sonne zu umkreisen - bedenkt man den Kontext der Entstehung dieser klösterlichen Handschrift durchaus eine erstaunliche Illustration, bis 1756 standen die Werke Kopernikus' noch auf dem Index verbotener Bücher und erst 1822 erlaubte Rom den Druck von Werken, die den Stillstand der Sonne und die Bewegung der Erde behaupten. Aber für einen Autor der die Berechnungen Pierre Gassendis ausführlich referiert, der ja das heliozentrische Weltbild verteidigte und eine Kopernikus-Biographie verfasste, ein verständlicher Kunstgriff. - Zustand: stellenweise minmal fleckig, die Tafel mit kleineren Randläsuren, sonst sehr wohlerhalten. Provenienz: Seite 1 mit dem Besitzvermerk 'FCSCC à q à S.D.'."
Preis: 6500 EUR