Buchcover
BISMARCKJUGEND -: 'Gästebuch Ortsgruppe 40 Ehrhardt', die Teil der 'Bismarckjugend der Deutschnationalen Volkspartei' war und im November 1928 ein Landheim in Stolpe bei Berlin bezog, anläßlich dessen Eröffnung das vorliegende Gästebuch begonnen wurde. Die letzten Einträge stammen vom 17. und 18. Juni 1933, das heißt aus den letzten Tagen vor dem Verbot der Organisation durch die Nationalsozialisten. 1 weißes Blatt, illustriertes Titelblatt, 147 meist einseitig beschriebene Seiten mit 5 Illustrationen, 88 unbeschriebene Blätter mit zahlreichen lose eingelegten Todesanzeigen, Zeitungsartikeln, Briefen etc. Hellbrauner Lederband der Zeit mit dem Eindruck 'Gästebuch Ortsgruppe 40 Ehrhardt', dreiseitiger Goldschnitt, Decken mit jeweils vier Biernägeln (Einband leicht fleckig und etwas berieben), 34 x 24 cm.

"1920 gegründet und zunächst von Wilhelm Kube geleitet, wurde die Bismarckjugend nach 1923 von Hermann Otto Sieveking geführt und erhielt unter seiner Leitung einen eher paramilitärischen Charakter. Mitglieder konnten Frauen und Männer im Alter zwischen 14 und 25 Jahren werden. Während die meisten aus protestantisch geprägten, bürgerlichen oder adeligen Familien kamen, waren die Mitglieder der Berliner Bismarckjugend größtenteils Jugendliche aus Arbeiterfamilien. Das Gästebuch beginnt mit einem Denkspruch: "Schlicht und einfach das Heim, kein Palast. Doch besser als garnichts: Du weißt, was du hast" und enthält dann, beginnend mit dem 21.11.1928 hunderte von Einträgen der Besucher und Besucherinnen, die meist am Wochenende das Landheim besuchten und an der Renovierung arbeiteten. Einige Einträge loben den Fleiß und die Hingabe der jungen Menschen. Pfingsten 1931 wurde vermerkt: "Aus wirtschaftlicher Not und wegen Schikane der preussischen Polizei-Behörden konnten das Reichstreffen des Bismarckbundes in Bonn nicht besuchen:" (folgen die Namen). Den Eintrag vom 13./14. Juni ziert eine kleine farbige Ansicht des Heims, den Eintrag vom 20. Juni 1931 eine kleine Zeichnung zur Sonnenwend-Feier, am 6. September 1931 wurde der Tod Sievekings eingetragen ("Unsere Flagge ging auf Halbmast"), am 11. Oktober wird der "Tag der nationalen Vereinigung in Bad Harzburg" kommentiert: "Wir hoffen, dass der neue Tag bald heranbricht! Bismarck Heil!!". Besucher tragen sich ein (Jugend des Charlottenburger Schwimmvereins, Kyffhäuser Jugendgruppe, Turner, Pfadfinder etc.) und absolvierte Märsche werden notiert. Das Jahr 1932 wird mit einer schwarz-roten Illustration begrüßt: "Verboten! Notverordnung! Uniform-Verbot! 5 000 000 Arbeitslos!!! Wir kämpfen für Freiheit und Recht". Im Januar und Februar 1933 finden die Wochenend-Treffen weiterhin regelmäßig statt, vom 13. bis zum 19. März wurde der 1. Wehrgruppenlehrgang besucht ("Motto: Das Leben will nicht gelebt, es will erkämpft sein!") und die patriotischen Bekundungen überschlagen sich: "Schön ist das Soldatenleben!", "Wenn du ein Volks siehst, das lachend in den Tod geht, so sei gewiß, es geht dem Leben entgegen", "Deutschland dem Deutschen", "Gott mit uns" etc. Vom 18. bis zum 22. April fand ein "Freiwilliger Arbeitsdienst" statt. Hier ist die Stimmung, die sich in den Einträgen ausdrückt, gar nicht mehr so pathetisch-patriotisch: "Hoch die Arbet, so hoch, det kener ran kann." Die letzten Einträge stammen vom 17. und 18. Juni 1933; drei Tage später wurden die Jugendorganisationen der DNVP wegen angeblicher "kommunistischer Unterwanderung" verboten. Die Seiten danach sind leer, aber zwischen die leeren Blätter wurden zahlreiche Todesanzeigen ehemaliger Mitglieder meist aus den 1940er Jahren, private Fotos, ein Zeitungsartikel über die Mißhandlungen einiger Mitglieder der Bismarckjugend während der sogenannten "Köpenicker Blutwoche" aus den 1980er Jahren, Kondolenzschreiben, Briefe etc. eingelegt. Ein Blatt dokumentiert den Umgang mit der Bismarckjugend nach 1933: auf der Zeugenladung der Berliner Staatsanwaltschaft beim Landgericht vom 3. Januar 1934 wurden 3 Zeitungsartikel aufgeklebt, die über den entsprechenden Prozess gegen den Arbeiter Soltisik (oder Soltysik) und seinen Sohn wegen unerlaubten Waffenbesitzes berichteten ("Das Gewehr des Bismarckbundes", "Als nun im vorigen Jahr die deutschnationalen Kampfstaffeln infolge Eindringens marxistischer Elemente aufgelöst wurden ...", "Die Angeklagten waren Kommunisten"). Ebenfalls beiliegend sind 2 interessante und extrem seltene hektographierte Zeitungen: 1- 'Berliner illustrierte Nachtausgabe. Eisbein-Zeitung Gruppe 40 Ehrhardt' vom 19. Januar 1930. 17 Blätter mit zahlreichen Zeichnungen und Karikaturen. Neben Marschliedern, Anekdoten und launigen Nachrichten aus dem Leben der Mitglieder wird unter der Rubrik 'Sport' von der Teilnahme an einem Potsdamer Staffellauf berichtet, bei dem die stramm deutschnationale Bismarckjugend gemeinsam mit Läufern eines jüdischen Sportvereins antreten musste. Was unverholen antisemitisch anfängt ("krummbeiniger, schwarzgelockter Bar-Kochba-Mann"), endet versöhnlich: "Beide Vereine haben von dem Vorfall gelernt. Sie haben keinen Roches mehr aufeinander. Sie haben ... beschlossen, sich zusammen zu schliessen und für den nächsten Staffellauf gemeinsam eine gemischte Mannschaft aufzustellen." 2- 'Der Tag des Abschieds. Zeitung zum Eisbeinessen des Skatclubs Von oben runter'. 17 Blätter, mit Illustrationen und Karikaturen. Offensichtlich haben sich die Mitglieder der Bismarckjugend nach dem Verbot in einem unverdächtigen Skatclub weiter getroffen. Die Zeitung beginnt mit dem martialischen Marschlied der 'Brigade Ehrhardt', gedenkt der Toten, nimmt auf die Gründung des "Klubs" im Jahre 1920 Bezug und erinnert an die gemeinsam unternommenen Fahrten - von Skat ist nicht die Rede. Zustand: sehr gut erhalten."
Preis: 600 EUR