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MÄDCHENBILDUNG -: Zwei umfangreiche Photoalben aus dem Nachlass eines Nachkommen der in Heidelberg, Leipzig und Berlin tätigen Verleger-Familie Petters (Verlagsbuchhandlung Otto Petters, Universitätsbuchhandlung Bangel & Schmitt, Sortiments- und Antiquariats-Buchhandlung Markert & Petters). Beide Alben wurden um 1910 von jungen Damen angelegt, die zunächst, wohl in Pensionaten, in der Schweiz und dann auf Reisen waren, daher überwiegen die Aufnahmen vor allem junger Frauen. Männer tauchen erst vereinzelt, als Bergführer, später als Väter, Brüder, Verlobte und Ehemänner auf. Das erste Album enthält 192 Originalphotographien (9 x 6,5 cm), das zweite über 310 (ca. 10,5 x 8 cm). Die Alben in Leinwand gebunden (20 x 25,5 und 25,5 x 33 cm), die Vorderdecke des zweiten Albums mit dem goldgeprägten Monogramm 'G. R.', (an den Kanten etwas berieben).

"Das erste Album beginnt mit Einzel- und Gruppenaufnahmen, wohl aus einem Pensionat: ein Gruppenbild ist rückseitig beschriftet: "Hanni Janke, Lucie Künzler, Miss Harman, Mademoiselle Rieser, Leny, Lotte Köthnig, Trude Müller, Kiku Mérian, Elsa Pernstroem, Jessi Mather, moi, Mademoiselle Alice, Misses Pam, Mademoiselle Jeanne, Lisbeth Paashaus, Vera Vickers, Lotte Jaeger et Alice Reichel". Andere Bilder zeigen Mimi Protor, Leny Schroeder, Esther G., das Zimmer der Fotografin, das Strassburger Münster, die Burg Chillon, den Berg Grammont, Creux du Van, diverse Châlets, den Roc de la Vache, Besso - Moming, die Berner Alpen, Corne de Sorebois, Ober Gabelhorn u.v.a.m. Man sieht die gutgelaunten jungen Damen häufig beim Berg-Wandern, teils angeseilt im Schnee, beim Baden, vor Sehenswürdigkeiten, in Ausflugsgastätten, in Theaterkostümen, beim Reiten, beim Picknick im Wald etc. Aber auch den Lehrerinnen galt das Interesse der Fotografin, so sieht man Mademoiselle Jeanne mit einem "Monsieur inconnu, unverhofft aufgenommen". Erst im letzten Drittel des Albums finden sich, nun vor städtischer (wohl Leipziger) Kulisse, auch Aufnahmen junger Paare ("Je u. Herbert Hoffmann gen. Hohmann im Johannapark"), der Familie mit Kindern, von gemischten Tennispartien und anderen Vergnügen. Das zweite Album beginnt mit der Überschrift "Genève 1910". Die - größtenteils in französischer, selten in deutscher Sprache beschrifteten - Aufnahmen zeigen wohl auch Freundinnen eines Mädchenpensionats: im Park, am See, bei Ausflügen nach Coppet, Annecy, an die Rhone, zu den Dents du Midi und dem Mont Gosse, ins Vallée de Saas, zum Matterhorn und nach Interlaken, beim Bergwandern zum Allalinhorn, im Boot, beim Theaterspiel in Mézieres, auf dem Tennisplatz, beim Picknick, beim Lesen, beim Baden im Genfer See. Teils rückseitig bezeichnet "Ich und Lissi", "Ma chambre", "Villa Beauregard", oder: Mademoiselle Blanche, Martina Bally (möglicherweise die 1892 geborene Malerin Martina Bally, die 1922-1925 an der Staatlichen Kunstgewerbeschule in Berlin studierte und später in Paris und Zürich lebte), M. Marguerite, Annie van Wulften Palthe (möglicherweise die 1892 geborene und später mit dem Mäzen und Textilfabrikanten Jan Herman van Heek verheiratete Anne van Wulften Palthe), Mademoiselle Covelle im Badeanzug, Henriette Klamroth u.a.m. Nach 19 Seiten findet sich eine zweite Überschrift: "Oberhof 1910", die Aufnahmen zeigen eine stark verschneite Landschaft - möglicherweise handelt es sich um das heutige Wintersportzentrum in Schmalkalden-Meiningen. Es folgen Aufnahmen vom "Dackelbund", bestehend aus vier jungen Damen, von "Gretels Verlobung", dem Leipziger "Märchenfest im Palmengarten 1911", aus St. Moritz und von Berg-Wanderungen im Engadin, u. a. zum Piz Corvatsch, aus Innsbruck und von der Partnachklamm, von Reitausflügen junger Damen, vom Schlittschuhlaufen im Winter 1912 und vom Tennisspielen und der Sonnenfinsternis im Sommer 1912. Zur eigenen Verlobung mit einem jungen Herrn in Uniform finden sich nur 3 Aufnahmen, dann folgen Bilder vom "Flugplatz Lindental", gemeint ist wohl der 1911 eröffnete Flugplatz Leipzig-Lindenthal, Bilder vom Kochen und Sticken, von Schloß und Park Oliva, von der Venedigreise im Sommer 1912 und von der "Hochzeitsreise 1913", die nach Rom, Monte Carlo, Wiesbaden und Rüdesheim führte. Danach ging es direkt zum "Übungsplatz Posen", auch als Truppenübungsplatz Warthelager bekannt, einem der größten und modernsten Truppenübungsplätze des deutschen Kaiserreiches. Die Aufnahmen zeigen Zeppelin-Luftschiffe und Fluzeuge über der Stadt, aber auch private Einladungen. Mit Bildern von Ausflügen ans Meer und nach Wiesbaden, vom verkleideten Dackel und herrschaftlichen Wohnräumen endet das Album. Die beiden Alben geben einen aufschlussreichen Einblick in die letzte Ausbildungsphase großbürgerlicher Töchter kurz vor dem ersten Weltkrieg: man sprach französisch, Lehrerinnen und Schülerinnen aus verschiedenen Ländern lebten zusammen, sie spielten Theater, lasen, badeten und ruderten und genossen Landschaft und Natur bei durchaus anspruchsvollen Wanderungen. Andere Beschäftigungen gehörten sicher zur Ausbildung, wurden aber hier nicht fotografisch dokumentiert - vielleicht ein Zeichen der hohen Wertschätzung, den die Erziehung zu kultivierter Muße genoß. Wer die Fotografinnen oder Eigentümerinnen der Alben waren, ließ sich für uns leider nicht eruieren. - Zustand: Fotos und Trägerkartons mit kleinen Randläsuren, sonst sehr wohlerhalten."
Preis: 600 EUR