Buchcover
GARDIEN: L'Astronomie Physique. Undatierte französische Handschrift in brauner Tinte auf Papier, um 1700. (2) weiße Bl., (2) Bl. mit dreiseitiger Widmung an Philipp D'Orléans, (1) weißes Bl., (1) Titelblatt, (50) Bl. mit 99 Seiten Text, (1) weißes Bl., (226) Bl. Text, (2) weiße Bl. mit einer schriftl. Notiz aus dem 19. Jahrhundert; Schriftspiegel ca. 26 x 16,5 cm, einspaltig, in sehr gut lesbarer, nahezu kalligraphischer Reinschrift. Dunkelroter Maroquinband der Zeit, Rücken auf sechs unechten Bünden, mit goldgeprägtem Rückentitel und überaus reicher Rückenvergoldung , Decken gefasst von goldgeprägter Filete und mit dem Wappensupralibros von Philipp II D'Orléans, Steh- und Innenkantenvergoldung, dreiseitiger Goldschnitt und Innendeckel mit Brokatpapierbezug (unteres Kapital alt und unauffällig restauriert, Rückengelenk mit winzigen Einrissen), 31,8 x 20,5 cm.

"Der Verfasser des vorliegenden Manuskripts ist offensichtlich ein M. Gardien, dies zumindest legt die Verfasserangabe für die 'Fragmens de divers écrits' auf Seite 499 nahe. Darüberhinaus ist die dreiseitige Widmung unterzeichnet von M. E. Gardien. Allerdings handelt es sich hier um die Tochter des Verfassers, die in der Dedikation schildert, daß ihr früh verstorbener Vater seine Mußestunden damit verbracht hatte "à considerer ces grands objets qui se presentant à nos yeux et à chercher la cause Physique de leur differents mouvements". Desweiteren berichtet sie, seine Forschungsergebnisse seien "presque le seul bien que j'ay receuilly de sa sucession". Sie, die Tochter, war es denn auch, die die Arbeiten ihres Vaters abschrieb und seiner 'Altesse Royale' widmete; der Duc D'Orléans wiederum ließ das Manuskript in der vorliegenden Form aufwendig binden und mit seinem Wappen versehen. Als Person tritt der Verfasser nur einmal, am Ende des Manuskriptes (S. 549 f.) kurz auf und berichtet, daß er durch die Vermittlung von Joseph Saveur den Direktor des Pariser Observatoriums und Akademiemitglied Jean Dominique Cassini besucht habe, um sich mit ihm über seine Arbeiten auszutauschen. Abgesehen von den beiden Anhängen behandelt das gesamte Manuskript das Phänomen der 'Pesanteur'. Ein Begriff der im Laufe der Untersuchung verschiedene Bedeutungen annimmt, 'Gewicht', 'Schwere', 'spezifisches Gewicht', 'Kraft', 'Widerstand' etc., je nachdem welcher experimentelle Zusammenhang beschrieben wird. Die fließende Verwendung des für uns eigentümlichen Begriffs zur Erklärung so unterschiedlicher Phänomene wie der Planetenlaufbahnen, des freien Falls, der Kraft, des Stoßes, des Reibungswiderstandes und der Beschleunigung hat einen Grund : die Gravitationsgesetze waren zwar von Newton bereits entdeckt worden, es dauerte aber über 50 Jahre, bis sich diese Erkenntnisse in der Wissenschaft auch durchsetzten. So behandelte die Elite der kontinentalen Naturwissenschaftler, wie Pascal, Descartes, Mariotte und Huygens ganz ähnliche Fragestellungen wie das vorliegende Manuskript, sie beschrieben ähnliche Experimente und kamen zu vergleichbaren Ergebnissen. In diesem Sinne ist dieses Manuskript trotz der "falschen" Paradigmen kein Beispiel fehlgeleiteter Scholastik sondern ein vehementes Plädoyer für exakte, experimentell orientierte, naturwissenschaftliche Forschung : "En fait de physique les idées purement metaphysiques sont d'un faible secours. Il ne suffit pas au Physicien qu'une chose luy paroisse possible, il faut qu'il s'assure que réellement elle est, et que réellement elle est telle" (S. 289). Die gesamte Untersuchung besteht zum größten Teil aus penibel beschriebenen Versuchsanordnungen, der detaillierten Beschreibung beobachteter Abläufe und entsprechender Konklusionen, immer im kritischen Bezug auf die oben genannten Autoren. Wissenschaftshistorisch könnte man sagen, die Arbeit ist methodisch bereits modern, inhaltlich aber durch die falschen Vorgaben etwa Descartes (Wirbeltheorie) veraltet; ein weiterer genialer Versuch einer falschen Erklärung. Aber durch die Tatsache, daß es sich um das Ergebnis eines jahrelangen Ringens um Verifizierung damals plausibler Theorien gleichsam im Schatten Descartes handelt ist das Manuskript ein beeindruckendes wissenschaftshistorisches Dokument. (Zur Provenienz vergl. Olivier 2566 -4)."
Preis: 15000 EUR