Buchcover
SCHLÜSSER, ADOLF FRIEDRICH EMIL: 'Bericht über einen dreimonatlichen Aufenthalt zu St. Petersburg, im Gefolge Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Karl von Preußen, vom Januar bis April 1837. Erster Theil (die Armee). Berlin im December 1837.' Sehr sorgfältig ausgeführte Reinschrift in brauner Tinte auf Papier, wohl von der Hand des Autors, mit Signatur am Ende des Vorworts 'Schlüsser, Major im Generalstab'. Wasserzeichen: J.Whatman / Turkey Mill (ein Papier, das wegen seiner Qualität und Reinheit von zahlreichen Politikern, Schriftstellern und Königen (Blake, Washington, Napoleon, Königin Victoria, um nur einige zu nennen) benutzt wurde. 124 gezählte Seiten, Aufwendiger, sehr dekorativer, dunkelgrüner Lederband der Zeit, Decken und Rücken mit reicher Goldprägung, Steh- und Innenkantenvergoldung, dreiseitiger Goldschnitt, Vorsätze aus Seidenmoirée (Ecken minimal bestossen, Kanten minimal berieben, sonst sehr wohlerhalten), 23 x 15 cm.

"Bei der vorliegenden Handschrift handelt es sich um den ersten Teil eines als zweibändige Ausgabe konzipierten Berichtes des damaligen militärischen Beraters und Offiziers im Generalstab des IV. Armeekorps unter Prinz Karl von Preußen (1801 - 1883), Major Adolf Friedrich Emil von Schlüsser (1793 - 1863). Der Bericht behandelt vornehmlich die militärischen Aspekte und Beobachtungen während einer Reise des Prinzen nach St. Petersburg, die anlässlich des Geburtstages seiner Lieblingsschwester Charlotte (1798 - 1860), Gemahlin des Zaren Nikolaus I., stattfand. Prinz Karl war der dritte Sohn König Friedrich Wilhelms III. und seiner Gemahlin, Königin Luise. Zu seiner älteren Schwester hatte er lebenslang ein sehr enges und vertrautes Verhältnis, was nicht zuletzt durch die zahlreichen und regelmäßigen Besuche des Prinzen in Russland zum Ausdruck kommt. So reiste er erstmals anlässlich ihrer Hochzeit (1817), erneut zu Charlottes Geburtstag 1820 (dann in regelmäßigen Abständen immer wieder), zur Krönung des Zaren im Jahre 1825/26 nach St. Petersburg. In den Jahren 1830 und 1837 reiste der Prinz mit kleinem Gefolge, darunter von Schlüsser, abermals anlässlich des Geburtstages der Schwester, nach Russland. Letztgenannte Reise dauerte mehrere Monate und führte über Königsberg, Memel, Libau, Riga, Tallin nach St. Petersburg. Schlüsser interessierte sich besonders für alle militärischen Belange, die ihnen auf der Reise auffielen. Seinem akribischen und detailverliebten Wesen ist der hier vorliegende, äußerst schöne, gut lesbare und wohlerhaltene Bericht zu verdanken, der nicht nur Einblicke in den Zustand des russischen Militärs in und um St.Petersburg erlaubt, sondern durch die äußerst präzisen Beschreibungen ein lebendiges Bild vor den Augen des Lesers entstehen lässt. So berichtet er etwa über die Einführung der reitenden Infanterie am Beispiel des Dragoner Corps 60. Beeindruckt scheint der Autor auch von der Artillerie. Gerade ihr widmet er besondere Aufmerksamkeit, was wohl an seinem generellen Interesse an dieser Waffengattung lag. Schließlich waren es von Schlüssers spätere Anregungen, die zur Einführung von gezogenen Läufen bei Artilleriegeschützen in Preußen führen sollten. Doch auch die Struktur und Funktionsweise der Behörden und Stäbe, der allgemeinen Infrastruktur, Rekrutierungen und Unterhaltung der Armee entgeht dem aufmerksamen und analytischen Blick des preußischen Majors nicht. Für den heutigen, militärhistorisch interessierten Leser dürfte aber auch Schlüssers Analyse der Dislokation russischer Truppen aufschlußreich sein. Bedeutend seien die Truppenkonzentrationen an den Grenzen zu Schweden, Deutschland, dem Osmanischen Reich, dem östlichen Asien, letztlich aber auch in Russland selbst. Bemerkenswert ist auch seine Einschätzung der Haltung Russlands gegenüber Polen. Eigentlich wäre dies (Polen) nach den Teilungen zur Verstärkung und vermehrten Rekrutierung für die russische Armee gedacht gewesen. Nun aber zeigt sich, dass vielmehr immer wieder neue Truppen dorthin entsandt werden müssten, um die lokalen wie auch überregionalen Aufstände in Schach zu halten. Dadurch sei das Gegenteil des erwarteten Verstärkungseffektes eingetreten, nämlich der einer Bindung erheblicher Teile der Armee. Zur Disziplin innerhalb der russischen Armee bemerkt Schlüsser, dass "die Anwendung großer Strenge unerläßlich [wäre], um den gemeinen Mann der russischen Armee in Ordnung zu halten" (35). Was im Bericht folgt sind weitere Beschreibungen der einzelnen Waffengattungen, besonders der Artillerie, aber auch der Marine. Gerade diese ist neben der Artillerie, besonders in den Schlussfolgerungen, entscheidend für Schlüssers Einschätzung: "Die Mittel sind gegeben, und allerhöchstdieselben wenden sie an, um der mächtigste Herrscher in Europa zu sein." Gegen das Vorurteil, das die russischen Schiffe aus schlechtem Baumaterial bestünden, zitiert Schlüsser eine russische Aussage: "wenn unsere Schiffe nur halb so lange dauern als die englischen, so kosten sie auch nur halb so viel als letztere, wir haben mithin den Vortheil, daß wir alle Fortschritte, die im Seewesen gemacht werden, mit demselben Aufwande noch einmal so rasch in Anwendung bringen können als die Engländer." (84) - Die spätere Flottenpolitik Russlands in Konkurrenz zur englischen ist hier bereits ersichtlich. (Anders als später von Historikern nach dem Ersten Weltkrieg behauptet, war die Flottenrüstung nie eine Konkurrenz zwischen England und dem Deutschen Reich, sondern vielmehr zwischen Russland und England.) Seine Schlüsse zog der preußische Offizier und Autor aus zahlreichen Truppenbesichtigungen, die er im Anhang teilweise in Form eine Journals festhielt. Zudem ist der Bericht ergänzt durch eine Auflistung und Beschreibung der wichtigsten und neuesten Festungen wie der in Kronstadt, Dünaburg, Modlin (!), Karschaw, Bobruisk, Kiew, und Sewastopol, teilweise ergänzt durch kleinere Zeichnungen des Autors. Nicht zuletzt sind es aber die folgenden Anhänge, die einen fast vollständigen Einblick in die militärwissenschaftlichen Sammlungen an Büchern und Kartenmaterial der Garnison St. Petersburg erlauben. Angegeben sind die deutschen Titel sowie Bandzahlen. Bei den Karten werden neben dem vollständigen Titel, der Blattzahl sowie dem Entstehungsjahr auch die Maßstäbe mit angegeben. Besonders beeindruckend ist jedoch die Auflistung aller, zum damaligen Zeitpunkt im Hafen der Festung Kronstadt liegenden Kriegs- und Handelsschiffe namentlich und der Größe nach geordnet aufgeführt, darunter 22 Linienschiffe, 17 Fregatten, 3 Korvetten, 11 Brigantinen, 6 Schoner, eine Lugge, 4 Dampfschiffe, 5 Transportschiffe, ein Lotsenboot sowie 46 verschiedene kleinere Schiffe. Der vorliegende Band enthält darüberhinaus das Inhaltsverzeichnis eines zweiten (geplanten?) Bandes über 'Hof und Staat'. Anlage und Ausführung des Berichtes sowie die direkte Adressierung im Vorwort lassen darauf schließen, dass der vorliegende Bericht Schlüssers für den König selbst bestimmt war. Im Vorwort heißt es: "Des Königs Majestät sind mit den Verhältnissen des russischen Staates durch Allerhöchsteigene Anschauung und durch die mannichfachensten Berichte so genau bekannt, daß es fast unmöglich ist, Allerhöchstderenselben Neues über diesen Staat zu berichten. Da Rußland jedoch in einer stets fortschreitenden Entwicklung begriffen ist, so fühlt man sich durch jeden Besuch der Kaiserlichen Residenz angeregt, die Höhe zu ermitteln, auf welche diese Entwicklung neuerdings gelangt ist. Indem ich diesem Antriebe folge, halte ich es zugleich für meine Pflicht, eine Rechenschaft über meine Beobachtungen abzulegen. Ich werde bemüht sein, dieser Pflicht durch einen treuen Bericht zu genügen.Wenngleich es nothwendig, dabei eine, das Ganze ordnende, Reihenfolge der einzelnen Gegenstände zu beobachten, so kann es doch nicht meine Absicht sein, einen jeden dieser Gegenstände vollständig zu entwickeln - wodurch ich nur Bekanntes wiederholen würde; ich glaube vielmehr über einen jeden derselben nur dasjenige erwähnen zu dürfen, was ich zu meiner besonderen Kenntnis zu bringen Gelegenheit fand, in so fern ich zugleich anmahnen darf, daß ich dadurch eine noch vorhandene Lücke ausfüllen, oder doch dem Gegenstande eine neue Seite abgewinnen könnte. Was ich als das Resultat meiner Beobachtungen betrachte, darf ich darzulegen wagen - denn ich weiß, daß eine tiefere Einsicht in die Verhältnisse Rußlands, jede irrige Ansicht, die sich mir wider meinen Willen aufgedrängt haben sollte, auf den ersten Blick erkennen, und mit nachsichtsvoller Milde beurtheilen wird." Zum Autor: Adolf Friedrich Emil von Schlüsser wurde am 20. August 1793 in Berlin geboren. Im Alter von 20 Jahren kämpfte er 1813 als Freiwilliger im "Lützow Freikorps". Es folgte ein steile militärische Karriere. Schlüsser nahm an zahlreich Schlachten und Gefechten im Zuge der Befreiungskriege gegen Napoleon teil, darunter auch in der Schlacht von Belle Alliance. Hoch dekoriert wurde er mit nur 26 Jahren in den Generalstab kommandiert, wo er bereits 1821 zum Premierlieutenant befördert wurde. Nach seinen Versetzungen zu unterschiedlichen Husaren- und Ulanen-Regimentern, erhielt er 1830 als Rittmeister seine Kommandierung und letztlich auch Versetzung zum Großen Generalstab. Nach mehreren Kommandierungen nach Österreich, Russland und Italien erhielt er, kurz nach seiner Erhebung in den Adelsstand, als Major im Jahre 1843 den Posten als Chef des Generalstabes des 1. Armeekorps, 1844 als Obristlieutenant zum Chef des 4. Armeekorps. Dem 4. Armeekorps stand seit dem März 1837 Prinz Carl von Preußen als kommandierender General vor. Schon 1851 erhielt Schlüsser seine Beförderung zum Generalmajor. Im Jahre 1855 erhielt er seinen Abschied samt Pension, wurde jedoch auch als nicht-aktiver Offizier noch später mit hohen Auszeichnungen geehrt und erfuhr 1858 die Rangerhöhung im Charakter eine als Generallieutenant. Er verstarb am 21. April 1863 in Meran und hinterließ eine Frau (Auguste Luise Emilie von Jacob) und mehrere Kinder. Charakteristisch für seine Person, sein Denken und Handeln, waren die langjährigen Erfahrungen in seinen unterschiedlichen Tätigkeiten im Generalstab. Besonders seine, wenngleich nur wenigen, militärtheoretischen Schriften wurden in Kreisen des Militärs sehr gelobt und halfen z.B. die Küstenverteidigung mithilfe von Dampfschiffen zu strukturieren (Aufsatz von 1837). Doch auch seine Erfahrungen aus der Zeit als Kavallerist im Lützowschen Freikorps, die er 1826 veröffentlichte (Geschichte des Lützowschen Freikorps: Ein Beitrag zur Kriegsgeschichte der Jahre 1813 und 1814, Berlin, Posen, Bromberg, 1826), boten für Kenner detaillierte Einblicke in die Geschichte und Entwicklung dieses bedeutenden Verbandes. Weniger bekannt ist dagegen seine späte, tief religiöse Weltanschauung, die er jedoch klug mit der aktuellen Weltgeschichte in Verbindung bringen konnte, wie sein spätes Werk "Einleitung in die Bücher der Könige" (Halle 1861) eindrückich belegt. Der ehemalige Chef des Generalstabes von Krauseneck schrieb am 31. Dezember 1847 über Schlüsser: "Wohl unterrichtet, von besonderer Brauchbarkeit für Geschäfte, welche genaue Betrachtung, Ordnungsliebe und Ausdauer erfordern. Er hat in seinen Berichten über ausgeführte größere Dienstreisen in Italien und Rußland die Gabe, richtig zu sehen und angemessen darzustellen an den Tag gelegt. Die Beurteilung, welche seine Wirksamkeit von Seiten seines früheren Kommandierenden Generals gefunden [gemeint ist Prinz Carl von Preußen, S.T.], gereicht ihm zu besonderen Empfehlung. Der Kommandierende General des IV. A-K, bei dem er gegenwärtig als Chef des Generalstabes Dienste leistet, ist mit seinen Leistungen wohl zufrieden." (nach Priesdorff, Soldatisches Führertum, Bd. 6 1938, S. 575f.)."
Preis: 3800 EUR